Artenschutz

TEUFELSKRALLEN ARTENSCHUTZPROJEKT
Wasser. Zuerst mal braucht man Wasser. Wasser für eine Pflanze, die fast kein Wasser braucht. Eine Pflanze die sich spezialisiert hat auf sandige Wüste. Die es versteht, sich mit sengender Hitze, mit jahrelangen Dürreperioden, mit Frostnächten von bis zu zweistelligen Minusgraden zu arrangieren. Eine Pflanze, deren Methode der Samenverbreitung ihr ihren wenig schmeichelhaften Namen eingebracht hat. Eine Pflanze, die so wertvolle Inhaltsstoffe in ihren Vorratswurzeln speichert, dass ihr Jahr für Jahr nachgestellt wird. Für entzündliche, rheumatische Beschwerden nachgewiesenermaßen hervorragend geeignet. Hunderte Tonnen getrocknete Wurzelscheiben aus kargem Wüstensand der Kalahari. Seit kurzem in die Liste der bedrohten Arten aufgenommen.

teufelskralle_print_02teufelskralle_print_04teufelskralle_print_07teufelskralle_print_11

Und eben diese Teufelskralle, deren Schutz wir uns aus nicht nur berufsbedingten Gründen angenommen haben, braucht Wasser. Diese Erkenntnis als solche klingt nicht sonderlich spektakulär. 200 mm Niederschlag im Jahr, die
in unserer Kalahari-Region durchschnittlich fallen, sind schon gut bemessen für die Teufelskralle. So steht es geschrieben in den botanischen Lehrbüchern.
Auf der eigens für das Teufelskrallenartenschutzprojekt angeschafften Kalahari-Farm wachsen natürlich vorkommende Teufelskrallenpflanzen. Daraus folgt, so dachte ich, alles gut für eine Plantage. Kalahari, Sand, genug Niederschlag. Als Beleg dafür die natürlich wachsende Pflanze.
Beete anlegen, Samen von Wildpflanzen sammeln, einsäen und nach 3 Jahren zum ersten Mal ernten.

teufelskralle_print_05teufelskralle_print_16

So geht Artenschutz. Man muss nur wollen. Dachte ich! Dann die Kontaktaufnahme zu Prof. Dieter von Willert – dem Teufelskrallenprofessor. Nach mehreren Telefonaten schien ein Ortstermin sinnvoll. Man müsse die Pflanzen doch einmal genau untersuchen. Dabei wurde klar: Diese, meine Teufelskrallen sind keine glücklichen Teufelskrallen. Die machen keine schönen grossen Seitenwurzelknollen. Die sind froh, dass die ihr karges Leben haben. Für mehr reicht es nicht.

teufelskralle_print_17teufelskralle_print_19

Doch nicht so einfach mit dem Artenschutz. Wir bleiben dran. Erklärungen suchen. Wasser. Das Wasser als Regen gibt den Pflanzen das Signal auszutreiben. Ab einer gewissen Menge tut die Pflanze das dann auch. Sie treibt aus, bildet ihre typischen Ranken und beginnt zu blühen, Samen zu produzieren. Danach und erst danach, denn die Samenproduktion dient der Erhaltung der Art, beginnt sie für ihre Seitenwurzeln energiereichen Zucker zu produzieren und dort zu speichern.Die Knollen sollen dick und saftig werden. Wie Kartoffeln. Meine Pflanzen tun das aber nicht. Sie haben ein Problem. Wasser. Es regnet doch aber genug weiss ich. In den letzten Jahren deutlich mehr als 200 mm.
Aber erst im März!
Das bedeutet für die Pflanze: Regen im März, keimen, wachsen. April ist Blütezeit und Reifezeit. Im Mai auch noch. Dann, spätestens im Juni gibt es Frost. Aus. Alles Oberirdische Erfroren. Vegetationsphase zu Ende. Keine saftigen Seitenwurzelknollen, es reicht zeitlich gerade aus ein bisschen Samen produziert zu haben. Was ist denn nun aber die Lösung des Problems? Wasser. Aber zur richtigen Zeit. Wenn die Teufelskralle könnte, würde sie sich ihr Jahr
folgendermassen gestalten: Regen zum 1. Oktober. Gleich mal so 50-100 mm wären recht. Das reicht für das Austreiben. Im Oktober wird es nämlich schön warm. Die Frostnächte sind vorüber. Der Frühling in der Kalahari beginnt…
Dann heißt es austreiben, Ranken bilden, blühen, Samen produzieren. Ende Dezember: fertig damit. Jetzt wieder ein bisschen Regen wäre gut. 50 mm. Seitenwurzeln bilden. Speichern. Energiereichen Zucker, die Harpogoside, Wasser. Und dann, im März: Regen. Noch mehr speichern. Mehr und mehr. Nach Samenbildung noch 5 Monate Zeit für speichern. Dann Juni, Frost, aus. Die oberirdischen Teile sind nach der ersten Frostnacht abgestorben. Die Pflanze macht Winterschlaf.
Und wartet. Wartet auf Regen zum Frühling im Oktober. So hätte es die Teufelskralle gerne.

teufelskralle_print_08teufelskralle_print_09

Also Wasser.
Ich brauche Wasser im Oktober. Ich muss es 50-100 mm regnen lassen. Für meine Teufelskrallen. Ich lehne es ab, Grundwasser dafür zu nehmen. Das ist Tabu. Zu unökologisch. Also anders. Genug Wasser haben wir im März, durch den Regen. Bedarf im Oktober. Die Lösung ist ein gewaltiger Regenwasserspeicher der die benötigte Menge Wasser im Oktober noch bereit hält. Von einem 10 qkm großen mit tonigem Boden bedeckten Trockensee liegt auf meiner Farm die
tiefste Stelle. Genau hier baue ich einen Wasserspeicher. Die Raupe schiebt eine ca. 4 m tiefe Tonschicht ab, bis nur noch Fels kommt. Ein Rand von 2 m Höhe wird aus dem Aushub um das Becken gebildet. Ein Wehr, eine Aussenpumpe die das Wasser aus dem See in das Becken befördert, wenn das Becken pegelgleich mit dem See befüllt ist, und eine Pumpe die vom Becken zur Teufelskrallenplantage pumpt, sind nötig.
Wenn es nun im März genug regnet ist es da: Wasser. Wasser für Oktober. Wasser für die Teufelskrallen in der Plantage.

teufelskralle_print_20teufelskralle_print_22

Die sind da aber noch gar nicht. Die Teufelskrallen. Denn so dankbar die Pflanze nun sein sollte, ist sie nicht. Teufelskrallen keimen nicht einfach so. So wie Erbsen, die man in die Erde legt, gießt und die dann keimen. Nicht die Teufelskralle. Die tut das. Vielleicht. Die eine. Oder die andere. Die meisten nicht. Die später. Oder noch später. Nach dem dritten Regen. Oder nach dem Frost. Oder warum auch immer. Oder besser: Warum auch immer nicht!
Der Grund hierfür ist der, dass aus einem Kollektiv Samen ein jeder nach einer anderen biologischen Steuerung keimt. Das ermöglicht einer Spezies in einer so unwirtlichen Region überleben zu können. Niemals Gleichschaltung. Trockenheit, Schädlinge, Feuer, Frost. Ereignisse, die eine Spezies besser verkraftet, wenn sie zeitlich versetzt Nachkommen ins Rennen des Lebens schickt. Die Samen müssen überlistet werden. Doch gleichgeschaltet. In einer Teufelskrallenbrutstation. Babies züchten. Tausende Teufelskrallenbabies, bereit in die Beete ausgebracht zu werden. Das ist unsere nächste Aufgabe. Teufelskrallenbabies ziehen. Die Beete sind angelegt. Der Professor kann kommen und uns zeigen wie man Teufelskrallensamen zum keimen bringt. Alle gleichzeitig. Oder wenigstens die meisten. Mal schauen, wo die nächste Überraschung lauert.